Editio Domini · MMXXVI

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Magazin für Instrumentalpädagogik und Musikschulpraxis


← Magazin 08. Mai 2026
Frühe Bildung · 12 min

JeKits-Evaluation 2024 — was die zehnjährige Bilanz wirklich sagt

Der 2024 publizierte Evaluations-Bericht zum nordrhein-westfälischen Bildungsprogramm „JeKits — Jedem Kind Instrumente, Tanzen, Singen" hat im musikpädagogischen Fachdiskurs für Bewegung gesorgt. Eine Lese-Analyse der zehnjährigen Programm-Bilanz jenseits der Schlagzeilen.

Im Herbst 2024 ist der Evaluations-Bericht zum nordrhein-westfälischen Bildungsprogramm „JeKits — Jedem Kind Instrumente, Tanzen, Singen” erschienen, der die zehnjährige Programm-Bilanz seit der Reform-Phase 2015 zusammenfasst. JeKits ist die programmatische Nachfolge des bis 2015 unter dem Namen „Jedem Kind ein Instrument” (JeKi) gelaufenen Modellvorhabens und wird über die Landesregierung Nordrhein-Westfalen — konkret das Ministerium für Kultur und Wissenschaft (MKW NRW) — gemeinsam mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) und dem Landschaftsverband Rheinland (LVR) finanziert. Operativ getragen wird das Programm vom Landeszentrum für Schule, Kultur und Sport, vereinfacht über die JeKits-Geschäftsstelle in Bochum.

Der Bericht — herausgegeben in der gemeinsamen Verantwortung der Evaluations-Träger und in Zusammenarbeit mit den nordrhein-westfälischen Hochschulen für Musik (Detmold, Köln, Aachen-Standort der HfMT, Essen-Folkwang) — ist über die JeKits-Webseite öffentlich zugänglich. Er umfasst rund 240 Seiten und bilanziert Reichweite, Wirkungs-Indikatoren, soziale Selektivität und die strukturellen Veränderungen, die das Programm seit der 2015er Reform genommen hat.

Im musikpädagogischen Fachdiskurs hat der Bericht eine ungewöhnlich intensive Diskussion ausgelöst. Das hat zwei Gründe: erstens, weil JeKits in der bundesdeutschen Förderlandschaft das größte derzeit laufende Programm zur frühmusikalischen Bildung darstellt — und damit jede Evaluations-Aussage über das Programm in der bildungspolitischen Konkurrenz um Förderlinien Gewicht hat. Zweitens, weil der Bericht in den zentralen Befunden eine Differenziertheit zeigt, die in der ersten Presse-Wahrnehmung im Herbst 2024 unter den Tisch gefallen ist. Die folgende Lese-Analyse versucht, die Differenziertheit zurückzuholen.

Was JeKits seit 2015 ist

Eine kurze Erinnerung, weil die bundesdeutsche Wahrnehmung das Programm gelegentlich mit dem Vorgänger-Programm JeKi verwechselt. JeKits — das „Plus-S” steht für Singen — hat die JeKi-Linie der reinen Instrumental-Förderung um die Säulen „Tanzen” und „Singen” erweitert, gleichzeitig die Programm-Struktur deutlich verändert.

Drei Schwerpunkt-Bereiche stehen den teilnehmenden Grundschulen seit 2015 zur Wahl: Instrumente (das ursprüngliche JeKi-Erbe), Tanzen (die größte Neuerung der Reform) und Singen (die in der pädagogischen Praxis am stärksten anschlussfähige Säule). Die Schulen wählen eine der drei Säulen als Schwerpunkt; das Programm beginnt im ersten oder zweiten Schuljahr mit einem für alle Kinder verbindlichen Eingangsjahr und führt im dritten und vierten Schuljahr zu einem freiwilligen Aufbau-Modul.

Die Trägerschaft im Einzelnen liegt bei den teilnehmenden Grundschulen in Kooperation mit der jeweiligen örtlichen Musikschule, der jeweiligen Tanzschule (in der Säule Tanzen) oder einem Kooperationspartner aus dem Chor- oder Singkreis-Umfeld (in der Säule Singen). Das Förder-Modell ist eine Drittelung der Kosten zwischen Land, Kommune und Elternbeitrag — wobei ein einkommensabhängiger Eltern-Erlass für die einkommensschwachen Familien greift.

Die zentralen Befunde des Berichts

Der Evaluations-Bericht 2024 nennt — vereinfacht — fünf zentrale Befunde, die im Folgenden referiert und im musikpädagogischen Kontext eingeordnet werden.

Befund 1 — Reichweite. JeKits erreicht in seinem Eingangsjahr (also dem für alle Kinder der teilnehmenden Schulen verbindlichen Jahrgangs-Programm) rund 70.000 Kinder pro Jahr in Nordrhein-Westfalen. Das entspricht etwa 35 bis 40 Prozent der nordrhein-westfälischen Erstklässler:innen-Kohorte (je nach Jahrgang). Das ist eine bemerkenswerte Reichweite für ein freiwilliges Schul-Programm; sie hat sich seit 2015 zudem stabilisiert (in den Pandemie-Jahren 2020 bis 2022 mit erkennbarer Delle, seit 2023 wieder auf Vor-Pandemie-Niveau).

Befund 2 — Aufbau-Quote. Im Aufbau-Modul des dritten und vierten Schuljahres bleiben — je nach Säule unterschiedlich — zwischen 22 und 31 Prozent der Kinder im Programm. Die höchste Aufbau-Quote findet sich in der Säule Singen (was der Bericht mit der niedrigeren materiellen Anschaffungsbarriere und der höheren Anschluss-Fähigkeit an Schul-Chöre erklärt). Die niedrigste Aufbau-Quote findet sich in der Säule Instrumente (was mit den höheren Kosten für Instrumenten-Leihe oder -Kauf sowie mit dem höheren Übe-Aufwand zu tun hat).

Befund 3 — Wirkungs-Indikatoren. Der Bericht referiert die Ergebnisse einer kohortenvergleichenden Erhebung, die Kinder im Aufbau-Modul mit Kindern in nicht teilnehmenden Vergleichsschulen vergleicht. Die gemessenen Wirkungs-Indikatoren — musikalische Differenzierungs-Fähigkeit, rhythmische Sicherheit, Sing-Tonbildung — zeigen statistisch signifikante Vorteile der JeKits-Gruppe. Die Effektgrößen sind allerdings moderat. Sie liegen, je nach Indikator und Säule, in einer Größenordnung, die die Bildungsforschung als „kleinen bis mittleren Effekt” einordnet. Das ist nicht spektakulär. Es ist auch nicht zu vernachlässigen.

Befund 4 — Soziale Selektivität. Hier liegt der wahrscheinlich am intensivsten diskutierte Befund. Die Eingangsphase des Programms — das verbindliche Jahrgangs-Programm im ersten oder zweiten Schuljahr — erreicht Kinder aller sozialen Herkunfts-Gruppen in ungefähr gleicher Verteilung. Das ist die Stärke der Eingangs-Phase. Im Übergang in das Aufbau-Modul aber zeigt sich eine deutliche soziale Selektivität: Kinder aus Familien mit höherem sozioökonomischem Status verbleiben mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit im Programm. Die Selektivitäts-Quote — gemessen am Anteil der Aufbau-Modul-Teilnehmer:innen mit Eltern-Hochschulabschluss im Vergleich zur Eingangs-Kohorte — liegt bei einem Faktor zwischen 1,6 und 2,1, je nach Säule und Region. Das ist die strukturelle Schwäche, die der Bericht selbstkritisch benennt.

Befund 5 — Pädagogische Qualität in der Eingangs-Phase. Der Bericht würdigt die pädagogische Qualität des verbindlichen Eingangs-Programms in einer Weise, die in der Programm-Geschichte des Vorgänger-Programms JeKi nicht in gleicher Klarheit möglich war. Die Lehrkraft-Tandems aus Grundschul-Lehrkräften und Musikschul-Pädagog:innen — das didaktische Kernmodell von JeKits — werden vom Bericht als „stabile und in der Mehrzahl der teilnehmenden Schulen funktionierende Kooperation” charakterisiert. Die Schwierigkeiten, die das JeKi-Programm in seiner Anlauf-Phase 2009 bis 2012 mit der pädagogischen Integration der externen Musikschul-Lehrkräfte in den Grundschul-Alltag hatte, sind unter JeKits weitgehend aufgelöst.

Die Schlagzeile gegen den Bericht

In der Presse-Resonanz vom Herbst 2024 hat sich aus diesen fünf Befunden eine Schlagzeile herausgebildet, die ungefähr lautete: „JeKits scheitert an der sozialen Selektivität.” Diese Verkürzung wird dem Bericht nicht gerecht.

Was der Bericht tatsächlich sagt, ist ein deutlich differenzierteres Urteil. Er sagt: JeKits erreicht in der Eingangs-Phase eine breite Reichweite über alle sozialen Gruppen, verliert aber im Übergang in das Aufbau-Modul Kinder aus sozio-ökonomisch schwächeren Familien überproportional. Das ist nicht „Scheitern”. Das ist eine Diagnose: das Programm leistet im verbindlichen Teil sehr viel, im freiwilligen Teil weniger. Welche pädagogischen, kulturellen und ökonomischen Faktoren in den Übergang vom verbindlichen zum freiwilligen Programm hineinspielen, ist eine Frage, die der Bericht stellt — und auf die er, in der gebotenen Vorsicht, nicht abschließende Antworten gibt.

Es wäre verfehlt, schreibt der Bericht in seinem Resümee-Kapitel, die soziale Selektivität des Aufbau-Moduls dem Programm anzulasten. Die Selektivität ist ein Reflex der gesellschaftlichen Verteilung kultureller Ressourcen; das Programm reagiert auf diese Verteilung in einer Weise, die sie nicht voll auszugleichen vermag, sie aber im Eingangs-Modul deutlich abmildert.

Diese Formulierung ist redaktionell vorsichtig, fachlich präzise und in der pädagogischen Sache richtig. Sie ist in der ersten Presse-Wahrnehmung untergegangen.

Der Streit zwischen Reichweite und Qualität

Hinter der Berichts-Diskussion steht ein älterer Streit, der die Bildungspolitik der musikalischen Frühförderung in Deutschland seit etwa zwanzig Jahren begleitet: die Frage, ob die quantitative Reichweite eines Förder-Programms oder die qualitative pädagogische Tiefe seines Angebots der entscheidende Indikator ist.

Die Reichweite-Position — vertreten unter anderem von den Landes-Kultusministerien, die für JeKits die politische Verantwortung tragen — argumentiert, dass ein Programm, das 70.000 Kinder pro Jahr erreicht, in der bildungspolitischen Wirkung wertvoller ist als ein qualitativ enger zugespitztes Programm, das nur 5.000 Kinder erreicht. Die Qualität-Position — vertreten unter anderem von der Bundesvereinigung Deutscher Musikverbände und in Teilen vom VdM — argumentiert, dass ein Programm, das pädagogisch flach bleibt, in seiner musikalischen Bildungsleistung an die Grenzen dessen kommt, was instrumentale Frühförderung leisten kann.

Beide Positionen sind in sich nachvollziehbar. Sie sind nicht versöhnbar, weil sie unterschiedliche Bildungs-Begriffe voraussetzen. Die Reichweite-Position folgt einem inklusiven Bildungs-Begriff (alle Kinder sollen die Möglichkeit haben, einmal in Berührung mit musikalischer Praxis zu kommen); die Qualität-Position folgt einem entwicklungs-orientierten Bildungs-Begriff (musikalische Bildung verlangt eine pädagogische Tiefe, die über das Erstkontakt-Niveau hinausgeht).

JeKits hat sich in seiner Programm-Struktur konsequent für die Reichweite-Position entschieden — mit der freiwilligen Aufbau-Stufe als pragmatischem Brückenmodell zur Qualität-Position. Der Bericht 2024 zeigt, dass dieses Modell funktioniert, aber an der Brückenstelle die soziale Selektivität nicht vollständig auflösen kann.

Der Vergleich mit dem ehemaligen JeKi-Programm

Eine sachliche Würdigung der JeKits-Bilanz kommt um den Vergleich mit dem Vorgänger-Programm JeKi nicht herum. JeKi — „Jedem Kind ein Instrument” — war von 2009 bis 2015 die ursprünglich auf das Ruhrgebiet konzentrierte Förder-Linie, die mit der nordrhein-westfälischen Landesregierung, der Kulturstiftung des Bundes und der Zukunftsstiftung Bildung eine breite Mittel-Koalition zusammengeführt hatte.

JeKi war in der pädagogischen Tiefe weniger ambitioniert (das Programm zielte überwiegend auf den Erstkontakt mit einem Instrument), in der instrumentalen Spezifik aber konzentrierter (jedes Kind sollte mit einem konkreten Instrument in Berührung kommen, ein Spielprinzip, das in der JeKits-Säulen-Logik aufgelöst wurde). Die Auswertungen der JeKi-Phase — etwa die von der TU Dortmund und der Universität Bielefeld vorgelegten Studien aus der Zeit 2012 bis 2014 — hatten ähnliche Befunde zur sozialen Selektivität, ohne dass das Programm damals so deutlich darauf reagiert hätte wie JeKits seit 2015.

Der Übergang von JeKi zu JeKits ist also nicht nur ein politischer Neuanfang, sondern eine programmatische Reaktion auf die Befunde der ersten Förderphase. JeKits ist nicht ein neues Programm; es ist ein nachjustiertes Programm. Das ist eine sachliche Stärke, die in der politischen Berichterstattung selten gewürdigt wird.

Was die Programm-Verantwortlichen sagen

Eine gerechte Würdigung der Position derjenigen, die JeKits seit 2015 administrieren, gehört zu einer ehrlichen Bilanz. Die JeKits-Geschäftsstelle in Bochum hat in ihrer Stellungnahme zum Evaluations-Bericht die Selektivitäts-Befunde nicht weggewischt, sondern als zentrale Herausforderung der nächsten Programm-Phase benannt. Konkret werden drei Antwort-Linien skizziert:

  • Eine Erhöhung des einkommensabhängigen Eltern-Erlass-Schwellenwertes, um die finanzielle Barriere des Aufbau-Moduls zu senken
  • Eine verstärkte Kooperation mit den lokalen Musikschulen, um den Übergang vom JeKits-Aufbau-Modul in den regulären Musikschul-Unterricht systematisch zu erleichtern
  • Eine pädagogische Schulung der teilnehmenden Lehrkraft-Tandems zur Sensibilität für sozial selektive Übergänge

Ob diese Antwort-Linien die strukturelle Selektivität tatsächlich auflösen können, ist offen. Sie sind aber das Maximum dessen, was ein Förder-Programm gegen eine gesamtgesellschaftliche Verteilungs-Logik bewirken kann.

Was die bundesweite Musikpädagogik daraus lernt

Die JeKits-Evaluation hat über Nordrhein-Westfalen hinaus Wirkung. Vergleichbare Programme in anderen Bundesländern — Bayerns „Musik macht klug”, Hamburgs „Jedem Kind ein Instrument” in der dortigen Adaption, das Berliner „Jeki Berlin”-Modell — werden die JeKits-Befunde in ihre eigenen Programm-Entwicklungen einarbeiten. Drei Lehren scheinen sich abzuzeichnen:

Erstens, die verbindliche Eingangs-Phase eines Förder-Programms lässt sich sozial breit ausrollen — wenn sie schulisch verankert ist und nicht auf elterliche Anmeldung angewiesen ist.

Zweitens, die freiwillige Aufbau-Phase eines Förder-Programms reproduziert in nahezu jeder denkbaren Programm-Konstellation soziale Selektivität — wenn die elterliche Anmeldung als Schwellen-Element wirkt.

Drittens, die Kooperation zwischen Schul-Lehrkräften und externen musikpädagogischen Fachkräften — die Tandem-Logik von JeKits — funktioniert, wenn sie strukturell entlastet ist (klare Aufgabenteilung, regelmäßige gemeinsame Vorbereitungs-Zeit, gemeinsame pädagogische Fortbildung).

Diese drei Lehren sind nicht spektakulär. Sie sind in der konkreten Programm-Praxis aber von erheblicher Bedeutung. Wer in einer anderen Bundesland-Förderlinie für die frühe musikalische Bildung verantwortlich ist, findet im JeKits-Bericht 2024 die methodisch sauberste Bilanz, die die deutsche Programm-Förderung in diesem Bereich derzeit vorzulegen hat.

Eine Schluss-Bemerkung

Die Etüde-Redaktion hat den JeKits-Bericht in seinen 240 Seiten gelesen, weil sie der Auffassung ist, dass die zehnjährige Bilanz eines Programms dieser Größenordnung in der musikpädagogischen Fach-Öffentlichkeit eine sorgfältige Lese-Arbeit verdient. Die Befunde sind nicht triumphalistisch, sie sind aber auch nicht resignativ. Sie sind die nüchterne Beschreibung dessen, was ein staatlich finanziertes Förder-Programm zur frühen musikalischen Bildung in einer modernen industriellen Gesellschaft mit ihrer Verteilungs-Logik kultureller Ressourcen tatsächlich erreichen kann.

Wer sich aus dieser Beschreibung ein zynisches „nicht genug” oder ein triumphierendes „endlich der Beleg” herausliest, hat den Bericht nicht gelesen. Wer sich aus ihr eine Diagnose der Stärken und Schwächen frühmusikalischer Programm-Förderung herausarbeitet, hat im JeKits-Bericht 2024 das beste Material, das die deutschsprachige Musikpädagogik im laufenden Jahrzehnt zur Verfügung hat. Das ist redaktionell und fachlich der Befund, der für die kommenden Förder-Diskussionen tragen muss.


Ressort: Frühe Bildung